Astrid Heubrandtner

 

Astrid Heubrandtner wurde 1968 in Leoben geboren.

Nach dem Kolleg für Fotografie an der "Graphischen Bundeslehr- und  Versuchsanstalt", diplomierte sie in den Studienrichtungen Kamera und Produktion an der Wiener Filmakademie.

Seit 1998 arbeitet sie als Kamerafrau und widmet sich einige Jahre später dem interdisziplinären Doktoratstudium an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien.

2004 realisiert sie den Dokumentarfilm "Marhaba Cousine", “Mein Haus stand in Sulukule” ist ihre zweite Regiearbeit. 

 

Astrid Heubrandtner im Interview

mit Clara Landler:

 

„Ich habe keinen Film über Roma gemacht“

 

 

Wie kam es dazu, dass du als Österreicherin einen Film über ein Romaviertel in Istanbul gemacht hast?

Die Idee zu dem Film entstand durch einen Zeitungsartikel über die Vorgänge in Sulukule, auf den Peter (Anm.: Peter Röhsler, Produzent) aufmerksam wurde. Initiiert wurde dieser Artikel von einer Gruppe Aktivist/innen, die auch die Sulukule Plattform betreiben und die längste Zeit versuchten, einerseits zu helfen, andererseits in der Welt auf die zunehmend dramatische Situation vor Ort aufmerksam zu machen.
Ich hatte kurze Zeit davor mit „Marhaba Cousine“ meinen ersten eigenen Film fertiggestellt, in dem ich mich auf die Spuren meiner Cousine begeben habe, die in der Schweiz geboren wurde, zum Islam konvertierte, nach Damaskus übersiedelte und dort nun streng gläubig lebt. Ihre Geschichte hatte mich fasziniert und beschäftigt, also wollte ich diesen Film machen.
So ähnlich ging es mir auch mit Sulukule, als klar wurde, dass dort gerade eine jahrhundertealte, und in dieser Form wirklich einzigartige Kultur einfach zerstört wird.
Wir beantragten also eine Projektentwicklungsförderung und sind für eine erste Recherche in die Türkei gefahren.



Was waren eure ersten Stolpersteine auf dem Weg zum Film?

Im Nachhinein betrachtet gingen wir völlig naiv an das Projekt heran. In Istanbul angelangt, wollten wir Sulukule zu Fuß erkunden - und mussten feststellen: das Viertel war unmöglich zu finden! Tatsächlich ist Sulukule gerade mal einen Quadratkilometer groß.
Also nahmen wir Kontakt zu den Aktivist/innen der Sulukule Plattform auf, was sich später als echter Glücksfall herausstellte, weil ohne sie der Film niemals zustande hätte kommen können. Zeit nahmen sich Neşe Ozan und Hacer Foggo, die in Sulukule schon seit Jahren als Streetworkerinnen ehrenamtlich halfen, wo es ging. Die beiden genossen das Vertrauen der Bewohner/innen, was sich als unbezahlbar herausstellte. Mit uns hätte niemand vor Ort so offen gesprochen, oder uns gar in ein Haus eingeladen. Durch die beiden erganben sich auch die ProtagonistInnen des Films. Darüberhinaus war nichts planbar, da es unmöglich war, Informationen von der Stadtverwaltung zu bekommen, was wann oder wie geplant war. Die Abrisse wurden langsam, Stück für Stück vorgenommen. Dank Neşe und Hacer blieben wir immer am Laufenden, was in den Drehpausen, wenn wir nicht vor Ort waren, passierte.
Neşe hatte Deutsch studiert und in Istanbul für den ZDF bereits einmal als Aufnahmeleiterin gearbeitet. Somit konnte sie einerseits übersetzen und wusste andererseits, was es heißt, mit der Kamera unterwegs sein. Damit war es möglich, das gesamte mitwirkende Team sehr klein zu halten. In minimalistischer Besetzung und nur mit sehr kleinen Kameras bestückt, war es deutlich einfacher, sich vor Ort relativ frei zu bewegen ohne zu viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.



Wie oft wart ihr in Sulukule und wie gestalteten sich die Dreharbeiten dort?

Inklusive unserer Recherchereise fuhren wir innerhalb von drei Jahren zehn Mal nach Sulukule. Manchmal war ich alleine unterwegs, manchmal fuhren wir zu zweit, einmal sogar zu dritt.
Wir nahmen uns von Anfang an Hotels außerhalb und fuhren abends, anders als manche andere Filmteams die wir vor Ort trafen, immer aus dem Viertel raus. Das war, wie sich später zeigte, eine sinnvolle Entscheidung. Einerseits wurde das Viertel, je weiter die Abrisse fortgeschritten waren, zunehmend unsicherer, andererseits erlebten wir bei einem türkischen Filmteam, die während der Dreharbeiten vor Ort auch gewohnt hatten, einen plötzlichen Stimmungsumschwung seitens der Bewohner/innen. Das Team wurde verdächtigt, Spitzel der Polizei zu sein und musste den Dreh schließlich abbrechen.

 


Was waren deine Ziele mit dem Film?

Für mich war von Anfang an klar, dass ich mit meinem Film keinen journalistischen Blick anstrebe. Ich wollte nur die Sichtweise der Betroffenen verfolgen, die Position der Stadtverwaltung interessierte mich nicht. Der Abriss Sulukules war für die Bewohner/innen eine klare Verlustgeschichte, und die wollte ich, so weit es geht in Augenhöhe zu den betroffenen Bewohner/innen erzählen.



Wie war dein Verhältnis zu den Bewohner/innen?

Ich habe mich in Sulukule irrsinnig wohl gefühlt, auch wenn klar war, dass ich immer eine Fremde bleibe. Ich mochte die Menschen sehr, die ich kennenlernte, konnte aber nicht in ihr Universum vordringen. Vieles bleibt mir fremd und schwer nachvollziehbar. Mir ist dort ein ganz anderes Denken, ein völlig anderer Umgang mit dem Leben begegnet. Sulukule war ein Mikrokosmos mit Dorfstruktur, zu Hause in einer Megacity. Viel Zeit verbrachte ich dort auch ohne zu drehen, dann setzte ich mich meist stundenlang irgendwo auf die Straße und beobachtete das Geschehen rund um mich.
Auch in diesem Mikrokosmos fielen mir deutliche Hierarchien auf. So war es für uns beispielsweise wesentlich einfacher, zu den Frauen einen Draht zu finden, als zu den Männern. So weit ich das beurteilen kann, war es doch ein sehr patriarchales System, in dem „Männerehre“ einen sehr hohen Stellenwert hat.
Auch wenn ich die Menschen vor Ort schon teils sehr theatralisch und extrovertiert erlebt habe, bringt die völlig andere Art zu leben eindeutig völlig andere Lebensqualitäten zum Vorschein und stellte für mich unser Wertesystem durchaus in Frage.



Noch mal zurück zur Distanz. Wie gut ist dir schließlich gelungen, Distanz zu wahren? Bist du noch in Kontakt mit deinen Protagonist/innen?

Beeindruckt haben mich viele der Menschen, die ich dort getroffen habe. Besonders in Erinnerung wird mir immer die ehemalige Tänzerin bleiben, die bis zuletzt auf der Baustelle gewohnt hat. Sie war eine der Ärmsten, aber unvergleichbar stolz und aufrecht. Sie achtete beispielsweise immer darauf, dass sie regelmäßig zum Friseur kommt. Was sie für mich von den anderen unterschied war, dass sie trotz allem immer positiv blieb, gejammert hat sie kein einziges Mal, obwohl sie es so besonders schwer hatte. Eine wirklich beeindruckende Frau.

Eine Freundschaft entwickelte sich zu Neşe und Hacer, mit ihnen bin ich auch weiterhin in Kontakt. Über die beiden erfahre ich auch, was unsere Protagonist/innen tun und wo sie sind. Die meisten von ihnen leben vorerst bei Verwandten am Rande Sulukules. Es war schmerzhaft, mitzuerleben, wie sich diese Kultur auflöste. Besonders schwierig war das aber für die Aktivist/innen vor Ort, die sich so lange um die Menschen dort bemühten. Hacer war besser darin, ein wenig mehr Distanz zu wahren, das machte es ihr etwas leichter. Neşe nahm das alles doch sehr mit. Ich bewundere beide bis heute. Sie arbeiteten wie alle Aktivist/innen ohne Bezahlung, aus reinem Idealismus, neben ihren regulären Jobs und ohne professionelle Unterstützung, wie es beispielsweise in Supervisionen üblich ist.

Ich muss auch allerdings sagen, das wir vieles davon, wie der Film jetzt ist, unserer Cutterin Charlotte (Anm.: Charlotte Berger Müllner, Filmschnitt) verdanken, die im Anschluss das Material ganz wesentlich gestaltet hat. Ich glaube, für diese Arbeit hätte mir am Ende nämlich wirklich die nötige Distanz gefehlt.



Bist du durch den Film auf die weltweite Situation von Roma aufmerksamer geworden?

Natürlich hat mich der Film für das Thema sensibilisiert. Dass die Situation der Roma beispielsweise in Frankreich, Ungarn und der Slowakei oft tatsächlich lebensbedrohend ist, finde ich wirklich erschütternd. Ich war auch kurz selber bei den Dreharbeiten in einer ostslowakischen Romasiedlung dabei.
Ich habe aber im Grunde keinen Film über Roma gemacht. In Sulukule fand man in vielerlei Hinsicht eine einzigartige Situation vor. Ich erfuhr zum Beispiel, dass sich die Roma dort in erster Linie als Türken sahen, sie waren auch insofern integriert, als Sulukule schließlich über sehr lange Zeit ein blühender Stadtteil war. Natürlich war der Analphabetismus auch dort sehr hoch, viele schicken ihre Kinder nicht in die Schule; aber sie erlangten über ihre Musik und die Feste Reputation und waren seit Jahrhunderten sesshaft, mitten im Stadtzentrum, nicht wie in anderen Städten irgendwo am Stadtrand.
Ein echtes Bewusstsein über die eigene Kultur als etwas Einzigartiges, Schützenswertes, entstand erst mit den Aktivist/innen, die durchaus so argumentierten. Auch eine Vernetzung mit transnationalen Roma-Hilfen fand erst über die Sulukule-Plattform der Aktivist/innen statt.



Hat sich die Situation für Roma in Istanbul seit dem Abriss Sulukules verändert?

Seit der Schleifung von Sulukule hat sich die Situation für die ansässigen Roma deutlich verschlechtert. Sie sind nun als Minderheit eindeutig angreifbarer, bekommen keine Hilfe von außen, auch, weil Kontakte mit offiziellen Stellen ihrerseits vermieden werden, nachdem sie inzwischen schon so viele schlechte Erfahrungen machen mussten.
Umgekehrt verstehe ich das alles nicht ganz, denn einen „echten Türken“ muss man in Istanbul erst einmal finden. Die Stadt besteht im Grunde aus Minderheiten, ob man nun an Kurden, Griechen oder Armenier denkt.
Darüberhinaus über Roma zu sprechen, begebe ich mich aber auf dünnes Eis. Ich kann hier nur von meinen eigenen Eindrücken berichten, ich bin einfach keine Roma-Expertin.



Wie viele Menschen waren von den Abrissarbeiten Sulukules betroffen?

Genaue Zahlen der Betroffenen haben wir nie herausgefunden. Im Film spricht einer unserer Protagonisten von 5.500 Menschen, gemeldet dürften aber nur 3.500 gewesen sein. Da die meisten aber in Großfamilien leben, kommen und gehen auch viele immer wieder, die vermutlich einfach nicht registriert waren.



2009 kam ein Unesco Bericht heraus, in dem auch angekündigt wurde, Istanbul den Status als Weltkulturerbe abzuerkennen. Hatte dieser Bericht irgendwelche Auswirkungen?

Durch den Bericht war die Stadtverwaltung gezwungen, kurzfristig die Bauarbeiten zu stoppen. Die restlichen knapp 40 Häuser, die zu diesem Zeitpunkt noch standen, blieben unter Denkmalschutz erhalten. Außerdem musste die Stadtverwaltung Archäologen hinzuziehen, um weiter bauen zu können. Das machte das ganze Unterfangen sicher etwas schwieriger. Jeder Meter unter der Erde birgt Funde einer anderen Epoche, die Stadt ist voll davon, gerade auch in Sulukule.
Schützen im herkömmlichen Sinne aber funktioniert dort so nicht. Einerseits kommen die Touristen ohnehin, andererseits schießt die Unesco auch Geld zu, um wenigstens Reste zu schützen, wenn es heikel wird. Insofern hatte die Stadtregierung nichts zu verlieren.
Auch die Profiteure des Titels Kulturhauptstadt und aller Unternehmungen rund um diesen Status waren jedenfalls bezeichnenderweise in Regierungsnähe zu finden.
Abgesehen von Sulukule finden übrigens ähnliche Prozesse der Vertreibung immer noch in ganz Istanbul statt. Das Besondere an Sulukule war, dass eben dort für so lange Zeit wirklich nahezu ausschließlich eine Minderheit, nämlich Roma, lebte. Das ist bei den anderen betroffenen Vierteln nicht so, insofern ist für die anderen betroffenen Bereiche noch schwerer etwas zu bewirken.



Hattest du gehofft, mit deinem Film vor Ort etwas bewirken zu können?

Nein, ich bin nie davon ausgegangen, dass mein Film etwas verhindern oder verbessern könnte. Nichts desto trotz bin ich der Ansicht, dass solche Prozesse nicht undokumentiert bleiben dürfen.
Bezeichnend finde ich, dass bis heute nicht gelungen ist, den Film in Istanbul zu zeigen! Zunächst war ich der Meinung, dass er gerade für Festivals dort interessant sein müsste, da wurde er bisher aber überall abgelehnt.
Wirklich gerne würde ich den Film einmal in Sulukule an die Stadtmauer projiziert, alleine schon, um alle ehemaligen BewohnerInnen einzuladen und gemeinsam feiernd zu erinnern. Leider ist das aber so bisher nicht machbar, besser gesagt nicht finanzierbar.



Das erzeugte Bild von Minderheiten in Filmen ist häufig ein Exotisches. Wie siehst du deinen Film in diesem Sinn?

Das ist ein riesen Thema für mich und ich hoffe, dass mein Endresultat keinen exotischen Blickwinkel hat.
Als Filmemacherin schaut man ja auf etwas, man macht Bilder und kreiert - da gerät man leicht in Gefahr, den Menschen, die man ansieht, nicht gerecht zu werden. Für mich schien das Gefährlichste daran, durch die eigene Faszination ein romantisch-exotischen Bild zu erzeugen. Das bleibt natürlich immer eine Gratwanderung, mir scheint aber, Zeit relativiert das etwas.
Die Dreharbeiten waren ein durchgängiger Lernprozess: Man kommt mit einem Bild hin, manches davon wird bestätigt, anderes nicht - und dieser Prozess läuft über drei Jahre lang immer wieder aufs Neue. Das war ein langer Zeitraum, in dem habe ich mich ebenso verändert, wie die Menschen und die Situation vor Ort. Damit kann man immer wieder versuchen, ein wenig gegenzusteuern und sich immer wieder selbst zu fragen, wann man sich gerade mit Neugierde auf die Menschen weiterbewegt, und wann nur mit einer Neugierde auf das nächste Bild.
Neugierde ist immer der Antrieb, wenn aber nur die Freude am Exotischen bleibt, hat man nicht genau genug hingesehen. Exotisch ist, was fremd ist. Exotisch bleibt etwas, solange die Realität nichts anderes beweisen darf.
Mit so einem Film aber trägt man eine Verantwortung, dem Thema ebenso, wie den Menschen gegenüber. Man geht schließlich nicht in den Zoo - sondern kommt mit einer Kamera und geht mit ihren Geschichten weg. Das bedeutet natürlich auch, dass man immer mehr erlebt, als man Preis gibt. Türen öffnen sich unter Umständen rasch, dass sie aber auch über einen langen Zeitraum offen bleiben können, ist ein Kunst. Und Menschen merken schnell, ob sich jemand wirklich für sie interessiert - oder ob man nur nehmen und schnell wieder gehen will..
Ideal fände ich, wenn mein Publikum beim Ansehen des Films ein wenig von dieser langen Zeitpanne und ihren Veränderungen miterleben könnte.



Eine letzte Frage: Wie geht es für dich beruflich jetzt weiter?

Vorerst habe ich kein weiteres eigenes Regieprojekt in Planung. Aktuell stehe ich aber wieder bei zwei Kinodokumentarfilm-Produktionen hinter der Kamera: Michael Pfeifenbergers „Du darfst ruhig Jude sagen“ und Sabine Derflingers „Vom Umgang mit der Schuld“.