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Fritz Ofner

 

Fritz Ofner ist freiberuflicher Regisseur und Kameramann und lebt in Wien.

Geboren wurde er 1977 in Friesach, aufgewachsen ist er in der Steiermark. Sein Studium der Publizistik und Ethnologie in Wien schloß er 1997 ab. Danach arbeitete er als NGO-Aktivist, freier Journalist und TV-Produzent. Seine Arbeits- und Forschungsaufenthalte u.a. in Mozambique, Pakistan, Äthiopien, Uganda, Venezuela, Kolumbien und Guatemala sowie zahlreiche Reisen durch Asien, Afrika und Lateinamerika führten ihn schließlich in das Genre des Dokumentarfilms. Im Jahr 2011 erhielt er den Axel Springer Preis für seine TV-Dokumentation "Von Bagdad nach Dallas". "The Evolution of Violence" ist sein erster Dokumentarfilm fürs Kino.


Filmografie:

2010 - Von Bagdad nach Dallas, Dokumentarfilm, 30 min (ausgezeichnet mit dem Axel Springer Preis 2011)

2006 - Walking with Cecilia (gem. mit Michaela Krimmer), Dokumentarfilm, 56 min


Festivals (Auswahl):
Festival des Film Locarno 2011 - Semaine de la Critique
Jihlava International Documentary Film Festival 2011
- Official Selection
Muestra de Cine Europeo de Segovia 2011
- Official Selection
Il Muestra de Cine Internacional (Guatemala)
- Official Selection
This Human World 2011
- Official Selection
Diagonale 2012
- Official Selection
Docu Days Kiev 2012
- Official Selection
Al Jazeera Documentary Film Festival, Doha 2012
- Official Selection

REGIESTATEMENT


Gewalt durchdringt in Guatemala jeden Lebensbereich. Verlässt man sein Haus, besteht eine objektive Gefahr, überfallen oder Opfer eine Gewaltverbrechens zu werden. Überall im Land, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Viele sind bewaffnet und die Gewaltschwelle ist sehr niedrig. Ein Menschenleben ist wenig wert.
Dies sind Zustände wie sie aus vielen Ländern Zentral- und Südamerikas bekannt sind, in Guatemala ist aber vieles noch ein Stück schlimmer. Zusätzlich hat Guatemala dieses schreckliche Erbe eines 36 Jahre dauernden Bürgerkrieges und eines Genozids an seiner indigenen Bevölkerung. Wenn man im idyllischen Hochland wandern geht, kommt man durch viele Dörfer, in denen die Nachfahren der Maya von ihrem Stück Erde leben. Kommt man dann mit den Menschen ins Gespräch heißt es bald: "Bei uns wurden 50 Leute massakriert und dort hinten verscharrt." Oder: "Bei uns wurden alle lebendig verbrannt." Ein unermesslicher Genozid hat hier stattgefunden - und die Welt hat weggesehen. Während Ruanda, Darfur oder Srebrenica einen weltweiten Aufschrei verursachten, hat das Schicksal der Indigenen in Guatemala kaum jemanden interessiert.
Ich stellte mir die Frage, ob es eine Verbindung zwischen der Geschichte des Genozids und der heutigen Alltagsgewalt gibt. Wieso eine Evolution der Gewalt? Als die ersten Europäer in die Neue Welt kamen, schufen sie Gesellschaften, die auf einer extrem ungerechten Gesellschaftsordnung basierten. Während in vielen Gegenden sämtliche Ureinwohner vernichtet wurden (z.B. USA), stellen die Nachkommen der Maya in Guatemala die Bevölkerungsmehrheit. Die unfairen und ausbeuterischen Strukturen wurden jedoch nie geändert. Eine solche Gesellschaft ist dazu verdammt, in ständiger Gewalt zu leben. Und jeder Versuch, diese Gesellschaftsordnung zu ändern, wurde mit Hilfe der USA und Europas unterdrückt.
Guatemala gilt als die archetypische Bananenrepublik. Der Begriff Bananenrepublik bezeichnet Staaten in denen die Macht der Bananenexporteure so groß ist, dass sie die eigentlichen Machthaber des Landes sind. Wer sich ihnen und ihren Interessen entgegenstellt, wird nicht selten einfach ermordet. Bananen sind ein Sinnbild für eine verkehrte Weltordnung, in der ein Großteil der Menschheit für den Reichtum einer kleinen Minderheit schuftet und leidet. Bananen sind im Kontext dieses Films ein Mittel, um auch die inhaltliche Rückverbindung in die eigene - europäische - Lebenswelt zu ermöglichen.
Guatemala ist für mich ein Exempel für eine globale Ideologie, die ökonomische Ausbeutung durch zynische politische Rhetorik verschleiert. Im Film gibt es Archivmaterial mit einer Rede Ronald Reagans. Wenn man in dieser Rede  „communism“ mit „terrorism“ ersetzt und in einem anderen Archivfilm-Ausschnitt Bananen mit Öl, ist man mitten in den bewaffneten Konflikten unserer Zeit. „Evolution der Gewalt“ geht hier einen Schritt weiter und betrachtet eine Gesellschaft nach dem Konflikt. Oder besser: eine Kultur des ständigen Konflikts. Ich bin überzeugt, dass man in 30 Jahren einen ähnlichen Film im Irak drehen kann, dann, wenn die Ausbeutung einer anderen Ressource  unter einem anderen politischen Deckmantel in einer anderen Weltregion durchgeführt wird. Dann, wenn die Iraker alleine gelassen werden und alle Fernsehkameras weg sind, und die Gewalt sich verselbstständigt hat.

Fritz Ofner